100. Geburtstag von Sophie Scholl

17. Juni 2021

Harter Geist und weiches Herz – zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl

„Einer musste ja schließlich damit anfangen“, hat Sophie Scholl bei ihrer Gerichtsverhandlung gesagt.
Sie hatte mit ihrem Bruder bei der „Weißen Rose“ angefangen, das Gewaltregime Hitlers anzuprangern und zum Widerstand aufzurufen. Fünf Flugblätter hatten sie schon verteilt, bevor sie mit ihrem Bruder Hans und
Christoph Probst gefangen genommen wurde.
Sophia Magdalena Scholl wurde am 9. Mai 1921 in Forchtenberg/Württemberg geboren. Die Tochter eines liberal gesonnenen Bürgermeisters und einer ehemaligen evangelischen Diakonisse wuchs mit vier Geschwistern in einem christlichen und politisch wachen
Elternhaus auf.
In Ulm traten die Geschwister zunächst gegen den Willen ihres Vaters der Hitlerjugend und Sophie dem Bund Deutscher Mädel bei.
Als Scharführerin liebte Sophie Mutproben und war gern draußen in der Natur. Aber sie konnte nicht verstehen, dass ihre jüdische Freundin davon ausgeschlossen wurde, obwohl sie doch blond und blauäugig war, während Sophie selbst dunkle Augen und Haare hatte. Zunehmend störte sie der militärische Umgangston und dass sie ihre Meinung nicht frei äußern konnte.
Als Sophie im März 1940 ihr Abitur bestand, ging der Zweite Weltkrieg bereits ein Jahr. An ihren Freund Fritz Hartnagel schrieb sie: „Manchmal graut mir vor dem Krieg, und alle Hoffnung will mir vergehen.“
Die evangelische Kirche sah sie zu nahe an das nationalsozialistische
Regime gekoppelt. Daher interessierte sie sich zunehmend mehr für den Katholizismus und las Augustin. In ihr Tagebuch trug sie ein: „Man muss
einen harten Geist und ein weiches Herz haben.“ Am 9. Mai 1942 durfte sie nach München ziehen, um Biologie und Philosophie zu studieren. Durch ihren Bruder Hans, der dort Medizin studierte, wurde sie schnell in seinen
Freundeskreis aufgenommen. Und es blieb ihr nicht verborgen, dass diese tagsüber studierten und nachts heimlich Flugblätter herstellten. Die „Weiße Rose“ wollte die Menschen wachrütteln:
„[…] zu allen Zeiten der höchsten Not sind Menschen aufgestanden, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den Einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe das Volk zur Umkehr mahnten. […]“ (4. Flugblatt der weißen
Rose, vgl. Denkstätte Weiße Rose, ).
Nach dem Untergang der deutschen 6. Armee in Stalingrad Anfang 1943, bei dem hunderttausende junge Soldaten brutal starben, machte die „Weiße Rose“ mit einem Flugblatt offen Front gegen Adolf Hitler und das NS-Regime: „Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der
Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat…“.

Dieses Flugblatt wurde zum Verhängnis der Geschwister Scholl. Als sie am 18. Februar die selbst produzierten Blätter im Lichthof der Münchner Universität verteilten, wurden sie entdeckt und der Gestapo übergeben.
Die NS-Machthaber gingen erbarmungslos gegen die Widerstandsgruppe vor: Eigens für ihren Prozess wurde Robert Freißler von Berlin am 22. Februar 1943 eingeflogen – berühmt berüchtigter Präsident des Volksgerichtshofs. Er verurteilte die Geschwister Scholl zum Tode und noch am selben Tag wurden sie im Gefängnis Stadelheim durch das Fallbeil ermordet.
Die New York Times 1943 berichtete über die Vorfälle an der Münchner Uni und erklärte die Geschwister Scholl als Märtyrer. Weil sie für Prinzipien protestierten, von denen Hitler dachte, er könnte sie ausrotten. (Vgl. New York Times vom 2.8.1943, Denkstätte Weiße Rose.) und weil ihr Glaube stärker war als die Angst vor der Gestapo.
Doch die Erinnerung an ihre Person wird inzwischen auch von Querdenker*innen und Corona-Leugner*innen instrumentalisiert – Jana aus Kassel, die sich wie Sophie Scholl fühlt, zeigte im November 2020, wie fatal Geschichtsvergessenheit sein kann.
Um so wichtiger ist es, genau „hinzuschauen“ und nach dem Vermächtnis Sophie Scholls zu fragen.
Ein Vers aus Jakobus 1,22 war ihr besonders wichtig: „Seit aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein …“