Die Kirche – eine Herberge?

30. November 2021

Bei der Vorbereitung zum Gemeindefest wuselten am  Sonntag  vor  dem  Gottesdienst  viele Mitarbeitende in der Bonhoeffer-Kirche. Da kam eine  Mitarbeiterin  auf  mich  zu:  „Oben  auf  der Empore ist ein junger Mann. Der sieht irgendwie verstört aus.“ Kurz darauf eine andere: „Da ist ein Jugendlicher, der hat hier in der Kirche geschlafen, hat  er  mir  gesagt.  Da  musst  du  dich  drum kümmern.“ Und tatsächlich: der Jugendliche hatte es nach einem Fest in der Parksiedlung nicht mehr nach Hause geschafft. Im Vorbereitungstrubel am Samstag  blieb  der  Nebeneingang  zur  Kirche unverschlossen und der junge Mann fand dadurch einen sicheren Schlafplatz. Die Toilette habe er benutzt, aber sonst wirklich nichts angefasst, hat er mir versichert. Er war noch ganz verpeilt und wirkte richtig schutzlos. Wir waren alle miteinander froh, dass  er  die  Nacht  in  der  Kirche verbracht  und wohlbehalten überstanden hat. Und eigentlich war es ein gutes Gefühl, dass unsere Kirche Herberge war. Normalerweise ist die Kirche verschlossen. Es gab in der Vergangenheit schon zu viele negative Erfahrungen. Dass Leute herumgelungert sind. Müll, Dreck und Durcheinander zurückgelassen wurde. Und es besteht die Gefahr, dass die Lautsprecheranlage gestohlen wird.

In Nellingen ist das anders. St.Blasius ist zumindest tagsüber offen – immerhin zeitweise eine offene Kirche. Doch Herbergen – das sind unsere Kirchen nicht; und wenn, dann nur zufällig und ausnahmsweise. Aber sollten Kirchen nicht per se Zufluchtsstätten sein? Orte, an denen man sich in Sicherheit bringen, Asyl bekommen, Unterschlupf finden kann?

Im vergangenen Jahr machte sich die Bonhoeffer-Kirchengemeinde  auf  „Herbergssuche“.  Das Weihnachtsmusical  konnte  wegen  Corona  nicht stattfinden, und so haben wir im Bibelgarten die Herbergssuche mit vielen Stationen nachgespielt. Und nicht nur das.

Wir haben uns überlegt, wo heute Menschen auf der Suche sind – nach einer Unterkunft, einer neuen Heimat, einem Ort, an dem sie dem Alltag entfliehen können. Da gab es Obdachlose, Flüchtlinge im Zelt, Urlauber und den Nikolaus, der in seine türkische Heimat wollte. Auch in diesem Jahr werden wir uns wieder auf die Suche machen. Mit Maria und Josef an Türen klopfen. Menschen treffen, die eine Heimat suchen. Es wird auch wieder Thema sein, wie das bei uns ist mit der Herberge, den offenen Türen. Und inwiefern Anspruch und Wirklichkeit zusammenpassen.

Die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) hat sich 2020 entschieden, dass wir als Kirche aktiv etwas für die Menschen auf der Flucht tun müssen. Aus überwiegend kirchlichen Mitteln wurde das Rettungsschiff „seawatch 4“ gekauft. Damit werden Flüchtlinge aus  dem  Mittelmeer  geborgen.  Das Projekt ist  auch  in  kirchlichen  Kreisen  nicht unumstritten. Arbeitet man mit einem Rettungsschiff nicht Schleppern in die Arme, die bewusst Menschen in eine lebensgefährliche Situation bringen? Wäre das Geld nicht in den Herkunftsländern besser angelegt? Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm betont, dass es natürlich die bleibende Aufgabe von Kirche und Diakonie sei, Menschen in ihren afrikanischen Heimatländern eine Perspektive zu erarbeiten. Aber hier gehe es um akute Nothilfe. „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Wenn jemand eine Herberge braucht, fragt man nicht, warum.

Die Jahreslosung für das Jahr 2022 steht im Johannesevangelium: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Johannes 6,37).

Das Jesuswort ist ein Zuspruch an uns alle. Jede und jeder findet bei Jesus offene Türen. Wir werden von Gott angenommen, so wie wir sind. Mit unseren Eigenarten, unserer Geschichte, unserer Herkunft, unserem Lebensweg.

Ohne besonders darüber nachzudenken, habe ich die Jahreslosung zunächst zur Kenntnis genommen. Wie in jedem Jahr haben wir uns dann auf die Suche nach einem passenden Jahreslosungs-Plakat für den Eingangsbereich der Kirche und die Gemeindehäuser gemacht. Haben die Angebote der Verlage nach einem ansprechenden Motiv durchsucht. Zwei Plakatentwürfe sind uns sofort ins Auge gesprungen. Die Jahreslosung auf einem Foto mit Flüchtlingsbooten. Nicht abweisen – die Menschen, die zu uns kommen. Hilfe suchen. Ihre Heimat verlassen haben. Umgehend befanden wir uns in einer lebhaften Diskussion. Geht es darum in dem Jesuswort? Ist das Motiv nicht zu provozierend? Wie soll das gehen? Wir können doch nicht alle aufnehmen. Unser Land, unsere Sozialsysteme, unsere Wirtschaft wird den ungezügelten Zustrom nicht verkraften. Mutet Jesus uns das zu?

Am Ende haben wir uns für dieses Jahreslosungsplakat entschieden. Und wir wollen die Fragen, die Diskussionen, die Gedanken dazu an einem Abend im Januar mit Ihnen gemeinsam erörtern. Als Gast haben wir dazu Ines Fischer, Pfarrerin für Asyl in der Prälatur Reutlingen und Friedhold Ulonska, Kapitän auf dem Rettungsschiff „Seawatch“ angefragt. Genaueres wird noch bekannt gegeben.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“  Zuspruch oder Zumutung? Oder beides? Wäre durchaus im Sinne der Bergpredigt: die Feinde lieben, die andere Wange hinhalten – nicht abweisen, wenn jemand zu uns kommt. (Bernd Schönhaar)