EG 503 Geh aus mein Herz und suche Freud

27. Februar 2022

Auf was schauen Sie nach über zwei Jahren Corona – auf all das, was wir nicht machen konnten? Auf
alles, was schief lief? Auf die Sorgen und Nöte? Richtet sich der Blick täglich auf die Inzidenzen und
neue Verordnungen?

Vor über 400 Jahren wurde der Liederdichter Paul Gerhardt geboren. Er war gerade mal 11 Jahre, als der 30-jährige Krieg ausbrach. Kurz darauf verliert er den Vater, dann die Mutter. Hunger, Gewalt, Seuchen erlebte er hautnah. Am Ende des Krieges, mit 41 Jahren, war Paul Gerhardt unverheiratet, ohne feste Anstellung, die Zukunft war ungewiss. Fünf Jahre später, 1653, dichtete er das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Die Quellen widersprechen sich etwas – bei den einen heißt es, er habe das Lied für seine Frau gedichtet, als sie ihr Kind verloren hatte. Andere wiederum sagen, er habe seinen Zeitgenossen Mut zusprechen wollen, als die Pest grassierte und das Elend kein Ende
nehmen wollte.

Wenn Sie zuhause ein Gesangbuch haben, dann schlagen Sie mal die Nummer 503 auf – oder schauen im Internet nach dem Liedtext.
Geh hinaus, raus aus dem Haus, runter vom Sofa! Ruft Paul Gerhardt sich und uns zu. Um die Schönheit der Natur zu erleben, müssen wir uns aufmachen, rausgehen aus unserer gewohnten Umgebung.

In den Versen 2-7 nimmt Paul Gerhard uns mit auf einen Spaziergang. Paul Gerhardt malt uns eine Sommerlandschaft vor Augen. Bäume, rauschende Bäche, blühende Wiesen. Spürt die Wärme, den wohltuenden Schatten. Hört das Singen der Lerchen, das Summen der Bienen. Diese romantische, liebliche Beschreibung ist umso erstaunlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, wie es damals ausgesehen hat: Städte, Felder und Wälder lagen auch Jahre nach dem Krieg zerstört da. Ganze Landstriche waren entvölkert.
Eigentlich Grund genug, ein Klagelied anzustimmen. Vor Gott das ganze Elend abzuladen. Sich einzuigeln, von der Welt nichts mehr wissen zu wollen.

Paul Gerhardt wählt in seinem Lied einen anderen Weg. Er will nicht tiefer in die Verzweiflung hineinführen, sondern eine Gegenerfahrung aufbauen.
Geh aus dir heraus und bleib nicht in dem Kummer stecken. Lasst uns unser Herz auch wieder für andere Erfahrungen öffnen, lasst uns sehen, dass es trotz allem noch eine andere Wirklichkeit gibt, die Gott für uns bereithält. Auch wenn es im Moment schwer fällt, daran zu glauben. Etwas davon sehen wir in der Natur, schau sie doch an, diese Schönheit.

Freude muss manchmal wirklich gesucht werden. Dass die Suche nötig ist, merke ich immer wieder: Wenn es mir schwer fällt, all das loszulassen, was mich unter Druck setzt, was mich gefangen hält und mir den freien Blick nimmt. Seien es Corona, Stress im Beruf, finanzielle Schwierigkeiten …

Das Lied fragt jede und jeden von uns an: Kann ich in meinem Alltag noch wahrnehmen, was Gott für mich bereithält? Schaue ich auf das Licht? Oder schaue ich auf das Dunkle, das, was mich klein macht, wo mein Leben nicht so gelingt, wie ich es mir wünschen würde?

Sieben Strophen wirbt Paul Gerhardt für diesen Blick. Und dann tut es einen Ruck: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinne“. Das Lied der Schöpfung ist ansteckend! Der Mensch erwacht, richtet sich auf, schaut und sieht. Er sieht von sich selbst ab – und schaut auf das, was ihm von Gott entgegenkommt.

Es ist faszinierend, wie Paul Gerhardt dann in den nächsten drei Strophen beschreibt, was nun bei diesem Menschen in Gang kommt. Plötzlich hat er eine Vision vom Paradies und wie schön es dort für die Menschen aussieht. Es entstehen Träume und Visionen von dem, was Leben alles bedeuten kann, was alles möglich wäre.

Unser Blick auf Gottes Schöpfung und auch auf das, was Paradies für uns sein könnte, hat Folgen für das Hier und Jetzt:
„Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir wird ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“
Es ist ein Perspektivenwechsel: Ich bin nicht nur derjenige, der die Natur anschaut, sondern ich bin selbst ein Geschöpf im Garten Gottes. Einzigartig, gut verwurzelt mit viel Platz zum Wachsen und Gedeihen – auch in Zeiten von Corona. (Bernd Schönhaar)